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| Dürnau, 18.12. 2005 Wir lesen und besprechen die "Nikomachische Ethik" des Aristoteles und befinden uns im Zehnten Buch, zweites Kapitel, Absatz 10-25. Aristoteles beschäftigt sich mit Eudoxus Ansichten über die Lust. Eudoxus setzt die Lust dem Guten gleich, weil er alle, vernunftbegabte und vernunftlose Wesen, danach streben sieht. Anhand dieses Strebens postuliert Eudoxus, dass das von allen am meisten Begehrte wohl das Beste sein müsse. Am meisten aber ist begehrenswert, was wir ohne Zweck begehren, denn dann ist das Gute keinem Zwecke mehr unterworfen, sondern steht für sich selbst. Man fragt ja auch nicht nach dem Zweck der Lust oder der Freude, höchstens nach der Ursache, und akzeptiert somit, dass die Freude Zweck an sich ist. Man freut sich einfach. Jede Tätigkeit, die mit Freude ausgeführt wird, macht eine Tätigkeit begehrenswerter. Man kann zwar Freude an dem Ergebnis einer Tätigkeit haben, aber dieses sagt nichts über die innere Haltung aus, mit der ich der Tätigkeit nachgegangen bin. Begehrenswerter ist aber die mit Freude ausgeübte Tätigkeit, denn nicht die Tätigkeit ist das Gute, sondern die Freude an sich. Das ist ein schwer zu ertragender Zustand, da wir stets wie getrieben werden, den Dingen Sinn und Zweck zuzuweisen. Die Freude an der Freude die stetig wächst("nun wachse aber das Gute nur durch sich selbst") wird selten empfunden. Bei einem Sonnenaufgang sind wir gern geneigt dem Ereignis etwas anzuhängen, unser Hirn setzt sich in Bewegung, wir suchen nach Worten, denken, wir hätten Freude an der Reinheit des Himmels oder seinen prächtigen Farben. Oder schlimmer noch, wir sehen mit der steigenden Sonne bereits die Hitze des kommenden Tages heraufziehen. Damit vertreiben wir in uns die Freude, indem wir das Ereignis nicht mehr einfach nur anschauen, sondern derart mit ihm in Beziehung treten, dass wir es bewerten. Dieses Bewerten in uns gleicht einem tierähnlichen Reflex, der nicht mehr unserem freien Willen unterliegt. Noch vor der Erfahrung wird über das Ereignis, das wir betrachten, ein Urteil gefällt. Dieses reflexartige Urteilen über Vorgänge in unserer Innen- oder Aussenwelt entfernt uns von dem eigentlichen Ereignis und macht somit auch die vorurteilslose Freude an dem Ereignis an sich zunichte. Dürnau, 08.03. 2005 Der zweirädrige Servierwagen ohne Stützen. U. behauptet, sie hätte so ein Teil schon einmal gesehen. A., D., I., J. und ich haben so unsere Zweifel. Schwierige Situation für U., denn sie muss nun ihre Behauptung gegen vier Ungläubige verteidigen. Das geht am besten mit einer Zeichnung
Auch ein zweiter Versuch
Peru, Atalaya, 22.06. 1992 "Die Strasse war zu Ende. Von hier aus ging es nur noch über den Rio Urubamba weiter in den Dschungel Richtung Norden. Keine Ahnung was mich geritten hat dieses gottverlassene Nest am Rande der Zivilisation aufzusuchen. Viele Möglichkeiten gab es nicht und so blieb mir nur die Flucht nach vorn. Ich fragte mich durch, verhandelte und schliesslich fuhr mich ein alter kahlköpfiger Haudegen aus Tinti für bare Münze ein Stück den Fluss hinunter. Mit seinen unfreundlichen Männern und den bis zum Rand mit Ried beladenen Booten brachen wir nach dem Mittagessen auf. Als es zu dunkeln begann, legten wir an. Ich tastete mich in der Finstenis einen Pfad hinauf zu einem Licht empor und erreichte erschöpft ein in den Urwald gestampftes Haus. Ein fahles Kerzenlicht beleuchtete verwegene Gesichter. Man lud mich an einen Tisch und gab mir einen Teller mit Suppe. Der Alte, ein Maricon vermutlich, wurde plötzlich unfreundlich und ich hatte den Eindruck, man machte sich in der Runde in Quechua über mich lustig. Als ich barsch fragte ob er etwas gegen Gringos habe, wurde er freundlicher (Bonito es!). Eine Frau, 23 Männer und ein paar in Lumpen gekleidete Kinder. Ich fühlte mich fremd und ausgeliefert und doch irgendwie zuhause angekommen." Osoyoos, Kanada, 05.04. 1992 Der Mond voll und kein Gefühl für Zeit. Es ist ein Uhr. Ich kann in meinem Zelt nicht schlafen und gehe mit zwei herumstreunenden Franzosen in die Innenstadt von Penticton. Auf dem Bürgersteig kommen uns Leute entgegen und plötzlich es gibt grundlos eins auf die Fresse. Ich werde wie immer in Ruhe gelassen, aber einem der Franzosen fehlen offensichtlich zwei Schneidezähne. Sie verschwinden aufs Revier. So etwas passiert also nicht nur auf der Leinwand. Kanada, nettes Land. Ich gehe zum Zelt zurück. Ich kann immer noch nicht schlafen, packe mein Zeug und spaziere ziellos durch die kalte neonblickende Stadt. Keine Seele weit und breit. Nur ein Donut-Laden schiebt 24 Stunden-Schicht. Ich werde von einer masslos überernährten Verkäuferin bedient. Ich könnte heulen. Nicht weil ich mich so elend fühle sondern weil ich von so viel Elend umgeben bin. Drei Uhr. Mir reichts. Aber wohin? Ich bin immer noch nicht müde und verbringe am Ortsausgang einige Stunden vor einer Tankstelle. Gegenüber befindet sich eine gigantische Shoppingmall. Ich Rrauche und auf einmal sehe ich sie glasklar vor mir, diese selbstzerstörerische, kulissenhafte, auf Genuss und Bluff aufgebaute Lebensphilosophie Nordamerikas. Ich verlasse Penticton ohne mich von irgendjemand verabschiedet zu haben. Morgens um sechs stehe ich bei Sonnenaufgang an der Strasse Richtung Osoyoos. Ein Lift nach Oliver. Ich habe höllische Kopfschmerzen, bin reif das Land für immer zu verlasssen und plötzlich beschenkt mich Kanada wieder. Ein Pickup hält und kurz bevor ich endgültig in dem amerikanischen Scheisshaus zu versinken drohe macht mir sein Fahrer ein Angebot: ich soll seinen verhinderten Kollegen bei der Traubenernte ersetzen. Witten, Deutschland, 07.01. 1993 Hilfsarbeiten beim Zusammenbau eines Schrankes: Führungsschienen für Schiebetüren angebracht. Schubkastenführungen befestigt. Auf- und Abbau von Teilen des Schrankes. Löcher für Einlegeböden gebohrt. Auflageleisten für Einlegeböden angebracht. Glasleisten für Türen gehobelt. Slavianagorsk, Ukraine, 20. 07. 1994 Heute vor 25 Jahren wurde ich getauft. Heute vor 50 Jahren misslang Stauffenbergs Attentat auf Adolf Hitler. Und ebenfalls heute vor 25 Jahren setzte der Mensch zum ersten Mal seinen Fuss auf die staubige Oberfläche des Mondes. Was für ein Datum! Ich bin in den Osten gezogen um die Welt zu retten! Etwa drei Dutzend Jugendliche und ich verwandeln eine Turnhallenruine in eine Krankenstation. Dieser so genannte "Schürmannbau" mit seinen ganzen Unmöglichkeiten ist ein Paradies für Improvisationskünstler. Vorausgesetzt natürlich, man ist einer. Um neun Uhr beginnt meine Odyssee durch Kisten und Schubladen unseres Werkzeuglagers um alles notwendige Arbeitsgerät aufzutreiben. Voller Elan mache ich mich an die Arbeit. Ich will Türblätter einbauen. Nachdem ich halbwegs alles beieinander habe merke ich, dass es zwar Türblätter gibt aber dass die Türrahmen fehlen. Also muss ich umdisponieren. Ich beschliesse Fensterrahmen einzusetzen, aber sämtliche Bohrer sind verschwunden. Genervt gebe ich meine Vorhaben auf. Ich schaue mich nach neuen Aufgaben um. In der Krankenstation wird gefliest, jeder steht jedem im Weg und einer mehr der im Weg steht ist so überflüssig wie ein Loch im Kopf. Scheinbar müssen es doch die Türen sein. Der zweite Schreiner konzentriert sich im Alleingang auf ein Klettergerüst und an eine Krankenstation ohne Türen ist nun mal nicht zu denken. Erst gegen zwölf finde ich den richtigen Drive. Zuvor muss ich mich noch damit abfinden das hier in der Ukraine keine deutschen Standards zu verwirklichen sind. Ich beginne also ungehobelte Bohlen mit einer Handkreissäge aufzuriegeln um sie weiter zu Türblockrahmen zu verarbeiten. Abgerichtet werden die Riegel anschliessend nach alter Väter Sitte mit dem Handhobel. Ein Trauerspiel. Ich muss einfach einsehen, dass ich in einer Gesellschaft des Mangels lebe, und warum soll es mir da besser ergehen als den Ukrainern um mich herum. Einen Haken hat die Sache dennoch: der Mangel an geeignetem Arbeitsgerät zieht einen Mangel an Motivation nach sich. Der Motivationsmangel plus miserables Werkzeug lässt dann Werkstücke entstehen die eine Schande für jeden ernsthaft arbeitenden Handwerker sind, was wiederum zu noch mehr Motivationsmangel führt. Aber Motivationsmangel darf heute kein Grund sein das Unmögliche zu versuchen. Schliesslich jährt sich der 25. Jahrestag der Mondlandung und was früher unmöglich erschien, ist heute selbstverständlich. Und auch wenn Stauffenbergs Attentat auf Hitler fehlschlug, so wurde ich heute doch einmal wieder getauft. Aldalen nähe Vatne, Norwegen, 17.08. 1995 Ich lebe. Vor der Hütte blöken die Schafe und bimmeln mit ihren Glöckchen. In das Tal fällt, von den Gipfeln der Bergriesen im Westen begrenzt, die Sonne und erhellt den silbrig schimmernden See. Die im Osten majestätisch aufschiessende Felswand verschwindet in der nebligen Ungewissheit eines Wolkenmassivs. Es ist mild draussen. Der Himmel zeigt stolz seine Palette von Grau bis blau und die Erde leuchtet in kräftigen Grüntönen. Das Rauschen der hinabstürzenden Wasserfälle erfüllt das Tal mit einem ewig erhabenen Klang. Auf dem Ofen brodelt das Teewasser. Mein Körper ist erschöpft, überhitzt, fast fiebrig, aber mein Geist ist klar und meine Hand willig den Stift über´s Papier zu führen. Bochum, Deutschland, 09.03. 1996 "Diva" von Dirk Dubrow im Bochumer Schauspielhaus. Zuerst wollte ich das Stück in die Sparte der Dramen stecken ("Blinde Kuh", "Vaterliebe") doch es war uneinheitlicher als diese und die letzte Szene mit der Diva passte dann gar nicht mehr zum vorhergehenden Teil. Kurz, ich hatte wenig verstanden und erst ein Hinweis des Regisseurs Gil Mehnert gab mir die nötigten Informationen. Das ist schon mal oberfaul wenn man sich eine Inszenierung erklären lassen muss. Die Diskussion im Anschluss an das Stück war ebenfalls wenig produktiv. Der Tiefpunkt war erreicht als Fragen wie "warum hat der Schauspieler Hoden statt Eier gesagt", geklärt werden mussten. Ich schaltete ab weil das Gespräch auf Nebengleise geriet. Doch dann sorgte die Seniorin des Hauses wieder für Wirbel und ich erwachte aus meiner Lethargie. Tana Schanzara nötigte den "Barkeeper" eine Runde Weisswein zu servieren, was der dann auch bald in Plastikbechern in die Tat umsetzte. Oberguru Leander Haussmann kam erst später zur Diskussion. Er räucherte sich so mit Eigenlob ein das er fast gar nicht mehr zu sehen war. Diese Theaterfuzzis sind alle nicht ganz dicht. Ohne Zweifel hat Uwe Dag Berlin gut gespielt. Aber deshalb muss man doch noch nicht gleich daraus schliessen, dass das ganze Ensemble toll ist! Dornach, Schweiz, 27.09.1996 Das Feuer des Choleriker schneidet im Reigen der vier Temperamente gemeinhin schlecht ab. Man stellt ihn gern als den Wüterich dar, der im Zorn seine eigenen vier Wände in Schutt und Asche legt. Dabei wird oft vergessen, dass er sich durchaus seiner destruktiven Kräfte bewusst sein kann. Wenn er an seinem Wesen arbeitet, sucht er nach Wegen seine Kraft zu ballen, sie zu konzentrieren und ist somit die eigentlich schöpferische Kraft unter den Temperamenten. Der Begriff der Potenz charakterisiert ihn wohl am besten. Der Choleriker liebt die Arbeit und hasst den Müssiggang. Für ihn muss die Welt ständig in Bewegung sein. Und wenn schon nicht die Welt, so wenigstens er selber. Träge Menschen sind ihm zu wieder. Er hat viel Initiative, und alles muss schnell in die Tat umgesetzt werden. Theorie und lange Debatten sind ihm fremd, langes hinauszögern der Tat macht ihn unruhig. Seine oft übereilten Aktivitäten laufen Gefahr ihm zu entgleiten und am Ende steht vor halben Sachen. Er ist am Ziel vorbeigeschossen. Dies führt dazu, dass er Tätigkeiten wiederholen muss und vieles gelingt ihm erst beim zweiten Mal, wenn ihm die Routine zur Hilfe kommt. Es ist dieses Scheitern an sich selbst, dass ihn so wütend macht. Der Choleriker ist bisweilen seinen Mitmenschen weit voraus, doch wird er mit der Zeit eingeholt weil sich auf seinem Weg in der Eile zu viele Fehler eingeschlichen haben, die dann seinen Amoklauf stoppen. Dann entlädt sich seine Wut über das "nicht weiterkönnen" in einer gigantischen Explosion, bis die Kräfte aufgebraucht sind und er wieder zur Besinnung kommt. Seinen Mitmenschen tritt er oft autoritär gegenüber und in seinem strotzenden Selbstbewusstsein meint er das allein-selig-machende Mittel in Händen zu halten. Die Weggenossen fühlen sich dann zur Seite gedrängt und übergangen. Der Choleriker liebt den Sport, die Bewegung, er ist ausgesprochen sinnlich und muss seinen Körper spüren, denn in seiner flammenden Begeisterung verliert er schnell den Boden unter den Füssen. Er ist stets bedacht, seine Grenzen (und auch die seiner Mitmenschen) auszuloten. Einmal an eine Grenze gestossen sucht er nach Mitteln und Wegen diese zu überschreiten. Keine Herausforderung lehnt er ab, auch nicht, wenn sie ein paar Nummern zu gross für ihn ist. Er ist furchtlos bis zum Leichtsinn und einmal von einem Ideal entflammt bis zur Aufopferung selbstlos. Er fürchtet weder Tod noch Teufel und körperlichen Schmerz schiebt er verächtlich zur Seite. Trotz seiner scheinbaren Oberflächlichkeit besitzt er häufig eine unergründliche Tiefe aus der er die Motive für sein Handeln schöpft. |
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